"Touristengebet"

 

 

Himmlischer Vater, sieh herab auf uns, Deine bescheidenen, gehorsamen Touristendiener, die dazu verdammt sind, diese Erde zu bereisen, zu filmen, zu fotografieren, Postkarten abzuschicken, Souvenirs zu kaufen und in pflegeleichter Unterwäsche herumzulaufen. 
 
Wir bitten Dich, oh Herr, aufzupassen, dass unser Flugzeug nicht entführt wird, unser Gepäck nicht verloren geht und unser Übergewicht nicht bemerkt wird. Beschütze uns vor habgierigen und skrupellosen Taxifahrern.
 
Gib uns göttliche Führung bei der Suche nach unseren Hotels, dass unsere vorbestellten Zimmer frei und sauber sind und wenn irgendwie möglich, dass es heißes Wasser gibt. Wir beten, dass die Rezeption unsere Sprache spricht und dass keine Nachricht von unseren Kindern auf uns wartet, die uns dazu zwingen würde, vorzeitig nach Hause zu fahren. 
 
Führe uns, oh Gott, in gute billige Restaurants, wo das Essen vorzüglich ist, die Kellner freundlich und der Wein im Preis inbegriffen.
 

Gib uns die Weisheit, korrekte Trinkgelder zu geben in Währungen, die wir nicht verstehen. Verzeih uns, wenn wir aus Unwissenheit zu wenig geben und zuviel aus Furcht. Lass die Einheimischen uns lieben für das was wir sind, und nicht für das was wir ihren weltlichen Gütern hinzufügen können.
 
Gib uns die Kraft Museen, Kathedralen, Schlösser und Moscheen zu besuchen, die in den Reiseführern als ein Muss angegeben sind. Und wenn wir einmal ein historisches Denkmal verpassen um ein Mittagsschläfchen zu halten, habe Gnade, denn unser Fleisch ist schwach. 
 

 

Und wenn unsere Reise zu Ende geht und wir zu unseren Lieben zurückkehren, gib uns die Gunst, jemanden zu finden, der sich unsere Filme und Fotos ansieht, so dass unser Leben als Tourist nicht umsonst gewesen ist.

 

 Geklaut aus der Heimzeitung Stift St. Benedikt   
 von Hannelore Grunow       Juli 2011

 

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